Wer sich beim Projekt "Unkraut vergeht nicht - stimmt nicht" engagiert, darf seine Nase nicht allzu weit nach oben tragen. Birgit Lind und Simon Keelan von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft wissen das. Den Rücken gebeugt, die Augen Richtung Boden gesenkt - das ist die typische Arbeitshaltung für die jungen Wissenschaftler, die dieses Projekt seit über einem Jahr begleiten.
Der seltene Sand-Mohn gehört zu den Ackerwildkräutern, die im Kommerner LVR-Freilichtmuseum vermehrt werden.
Gefährdet, verschollen, ausgestorben: So werden Arten in der Roten Liste bedrohter nordrhein-westfälischer Tiere und Pflanzen erfasst. Darunter sind auch Ackerwildkräuter aus dem Rheinland wie beispielsweise Sommer-Adonisröschen, Acker-Rittersporn oder Großblütiger Frauenspiegel zu finden. Diesen und anderen Ackerwildkräutern sind Lind und Keelan auf der Spur. Denn das Projekt "Unkraut vergeht nicht - stimmt nicht" hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt der rheinischen Ackerwildkrautflora zu fördern und zu erhalten.
Die "Fahndungsliste" ist lang
Der Acker-Rittersporn steht auf der Roten Liste bedrohter Ackerwildkräuter.
Bedrohte Arten findet man zwar schnell in der Roten Liste - in Nordrhein-Westfalen sind es über 50 Ackerwildkräuter - die Suche in der freien Natur gestaltet sich dagegen weitaus schwieriger. "Hinweise werden gerne entgegen genommen", meint Projektleiterin Birgit Lind. Sie und ihr Kollege Simon Keelan erhalten erste Informationen beispielsweise von Prof. em. Dr. Wolfgang Schumacher, aus früheren Diplomarbeiten und von regional tätigen amtlichen oder ehrenamtlichen Naturschützern. Ausgestattet mit Flurkarten und braunen Papiertüten fahren Lind, Keelan und weitere Mitarbeiter der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft dann nach Rücksprache mit den Bewirtschaftern und Behörden selber zum Fundort und suchen die seltenen Kräuter und Gräser zwischen Gerste und Weizen oder auf den Stoppelfeldern. Mal steht der Acker-Rittersporn, mal der Venuskamm oder der Sand-Mohn auf der Fahndungsliste, mal das Echte Tännelkraut, der Großblütige Frauenspiegel oder die Knollen-Platterbse.
Ortsbestimmung: Auf der Flurkarte sind die Fundstellen seltener Ackerwildkräuter markiert.
Gesucht und gefunden
"Hier ist der Blaue Gauchheil", freut sich Simon Keelan bei der Begehung eines Ackers nahe der Eifeler Ortschaft Schwerfen. Das Gebiet liegt im Naturraum V, einem von insgesamt drei Naturräumen, die derzeit im Rahmen des Projektes im Fokus stehen. Naturraum II ist die Niederrheinische Bucht, V die Eifel mit Siebengebirge und VI das Süderbergland.
Keelan hat nicht nur das gesuchte Wildkraut entdeckt, sondern heute auch noch den optimalen Erntezeitpunkt erwischt und kann mit dem Sammeln der Samen beginnen. Dazu braucht es Augenmaß und Fingerspitzengefühl.
Blauer Gauchheil (Art der Roten Liste) und Acker-Gauchheil
Das Tausendkorngewicht von Sand-Mohn beispielsweise beträgt nur 0,1 Gramm, Winterweizen bringt fast fünfhundertmal so viel auf die Waage. Die Ernte erfolgt naturverträglich. Das bedeutet, dass nur der Samen einiger weniger Kräuter in den kleinen braunen Papiertüten verschwindet. Damit wird gewährleistet, dass sich die Pflanzen weiterhin am Fundort erhalten können.
Sammeln, vermehren, ernten, aussäen
"Der Samen ist für die Vermehrung vorgesehen", erläutert Keelan. "Dafür stehen seit dem Herbst 2010 Vermehrungsbeete in den verschiedenen Naturräumen, u. a. im LVR-Freilichtmuseum Kommern, zur Verfügung."
Der Samen wird streng nach Naturräumen gesammelt.
Seine Tüte kennzeichnet er mit einer römischen Fünf. So ist sichergestellt, dass Samen aus dem Naturraum V nur im selben Naturraum vermehrt und auch wieder ausgesät wird, in dem er auch gesammelt wurde. Weitere Vermehrungsbeete befinden sich in Wesseling und ab 2012 auch in Lindlar.
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Das Sammeln der Samen erfordert viel Fingerspitzengefühl.
Sammeln, vermehren, ernten, aussäen
Das gesammelte und anschließend gereinigte Saatgut wird später im Herbst ausgesät. Während der Vegetationsphase begutachten Mitarbeiter der Stiftung regelmäßig die kleinen Beete, gegebenenfalls müssen sie bewässert werden. Und man höre und staune – Nichtzielpflanzen, also häufig vorkommende Ackerwildkräuter, die sich in den Beeten breit machen, werden regelmäßig entfernt. Während der Erntephase besuchen die Projektbetreuer die Beete häufiger, um den optimalen Erntezeitpunkt zu erwischen. Im nächsten Herbst steht dann die Aussaat auf geeigneten Äckern in der Flur an.
Der Kleinfrüchtige Leindotter ist fast erntereif. Der Samen sitzt in den kleinen Früchten.
Während Keelan "seine" Ernte bereits einfährt, stakt die Projektleiterin Birgit Lind noch durch die reife Gerste und sucht nach weiteren seltenen Arten. Fündig wird aber auch sie erst am Rand des Ackers. "Das ist häufig so", erläutert Birgit Lind. "Vor allem auf Streifen, die im Rahmen des Ackerrandstreifen-Förderprogramms bewirtschaftet werden, haben diese bedrohten Arten eine gute Überlebenschance, weil hier die Bewirtschaftung extensiver gestaltet wird, also an die Bedürfnisse der Ackerwildkräuter angepasst ist.“
Im Bestand ist die Suche häufig mühsam, manchmal auch erfolglos. Dann bleibt die kleine Tüte leer.
Das Projekt kennt nur Gewinner
Die angepasste Bewirtschaftung will das Projekt auf ausgesuchten Äckern sicherstellen. Denn die Ackerwildkräuter haben sich in ihrer Lebensweise eng an die Bewirtschaftungsweise der Äcker angepasst, wie beispielsweise jährliche Bodenwendung durch den Pflug. Eine speziell auf die Ackerwildkräuter ausgerichtete Flächenbewirtschaftung kann darüber hinaus durch geeignete Fruchtfolge und Bodenbearbeitung, Verzicht auf Herbizide und Wachstumsregler sowie eingeschränkte Düngung, verspäteten Stoppelumbruch sowie Saat des Getreides mit doppeltem Reihenabstand geschehen.
Nicht jeder Acker sei hierfür aber gleich gut geeignet, erklärt Lind. "Von Natur aus magere Standorte bieten für den Schutz seltener Ackerwildkräuter besonders gute Bedingungen. Hier ist von vorneherein der Konkurrenzdruck der Kulturpflanzen eher gering und manchmal noch ein Samenvorrat der seltenen Pflanzen im Boden enthalten. Aber auch in Börderegionen kann der Schutz seltener Ackerwildkräuter sinnvoll sein.“ Die Flächen befinden sich teilweise im Eigentum der Stiftung, teilweise werden sie von den Landwirten in der Region zur Verfügung gestellt. Die Stiftung will auch den Ackerbauern Lust auf Naturschutz machen. Minderertrag und Mehraufwand werden deshalb von der Stiftung vergütet.
Acker-Hahnenfuß kann sich im Fell von Schafen verhaken und von diesen verbreitet werden.
Auch setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass seltene Ackerwildkräuter wie Kleine Wolfsmilch, Acker-Löwenmaul oder Acker-Hahnenfuß aus landwirtschaftlicher Sicht keine Problemunkräuter sind."Sie sind meist kleinwüchsig und
Die Kleine Wolfsmilch ist kein ernstzunehmender Konkurrent für die Kulturpflanzen.
konkurrenzschwach", erläutert Birgit Lind. " Sie führen im Gegensatz zu Acker-Kratzdistel oder Acker-Fuchsschwanz zu keinerlei bedeutsamen Ertragsverlusten". Auch die Verbreitung auf intensiv geführten Flächen sei nicht zu befürchten, da die Arten sich bei herkömmlicher Bewirtschaftung nicht etablieren können.
Finanzspritze für die Biodiversität
Das Projekt zum Schutz bedrohter rheinischer Ackerwildkräuter wird von Bayer CropScience Deutschland GmbH finanziell unterstützt mit dem Ziel der ökologischen Aufwertung von ausgesuchten Ackerstandorten. Ein System von diversen repräsentativen Habitatflächen, deren Anlage und Management von den Landwirten selbst übernommen wird, soll in den Ackerfluren die Artenvielfalt erhöhen und die Population ihrer Bewohner sichern. In den kommenden Jahren sollen auch eigene Flächen und eigenes Personal für die Saatgutproduktion zur Verfügung gestellt werden. Produktive Flächennutzung und Bewahrung der Biodiversität - das ist die Intention, die hinter diesem Engagement von Bayer CropScience Deutschland GmbH steht.
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