Agrar Magazin / Land und Leute

Landwirtschaft wie in Bullerbü
Land und Leute

Die Wirklichkeit sieht anders aus - Dr. Andreas Möller sorgt für einen neuen Blick auf die Landwirtschaft

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"Die Landwirtschaft", sagt Andreas Möller, "ist der nächste Kampfplatz in der Reihe großer gesellschaftlicher Konflikte." Nach Waldsterben, Luftverschmutzung und Atomkraft sei sie "jetzt dran". Nicht zuletzt, weil manche Nichtregierungsorganisation die mediale Aufmerksamkeit konsequent im Eigeninteresse nutze. "Und da spielt es keine Rolle", meint Möller, "dass heute vieles nachweislich zum Besseren steht als all die Jahre zuvor."

Was sich jedoch ganz und gar nicht zum Besseren entwickelt habe, sei die allgemeine Wertschätzung für die Tätigkeit der Landwirte. Und genau daran will er etwas ändern. Denn: "Wir brauchen einen anderen Blick auf die Landwirtschaft." Genauer gesagt: "Einen realistischen."

Grund genug für den 45-jährigen ehemaligen Journalisten und heutigen PR-Profi, diesem Thema ein ganzes Buch zu widmen. "Zwischen Bullerbü und Tierfabrik" nennt es sich, und prompt verlieh ihm Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner dafür den Kommunikationspreis 2019 des Verbands Deutscher Agrarjournalisten.

Ein Buch also, das die Landwirte vor jeder Kritik in Schutz nimmt? Möller winkt ab: "Ganz und gar nicht." Denn eine Lanze für die Landwirtschaft zu brechen, so stellt er klar, bedeute nicht, berechtigte Kritik an ihr auszublenden. Ihm gehe es allerdings in erster Linie darum, dass die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft zunimmt. Und das sei dringend notwendig in einer Zeit, in der die Kritiker mehr zu Wort kämen als die Landwirtschaft selbst. Die Folge: "Wir haben zwar eine Meinung zu allem und sind sehr kritisch, es fehlen uns aber die Grundlagen."

Die liefert Möller dafür gleich mit. So listet er auf, wie sich die Bodenpreise seit der Lehman-Krise entwickelt haben, was zusammen mit dem Ökostrom-Gesetz dazu führt, dass auf einem Viertel  der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland keine Lebensmittel produziert werden, sondern Energiepflanzen. Er rechnet vor, dass ein durchschnittlicher Landwirt an einem Ei gerade mal zwei Cent verdient. Er macht deutlich, warum immer mehr Lebensmittel aus dem Ausland kommen, wo Arbeitsschutz oder Naturschutz teilweise meilenweit von unseren Standards entfernt sind. Und er zeigt detailliert auf, wie sich Stadt und Land in den vergangenen Jahren auseinanderentwickelt haben - mit dem Resultat, dass heute weniger als zwei Prozent der Menschen in der Landwirtschaft tätig sind. Aber dafür mehr Menschen die "Landlust" lesen als den "Spiegel".

Das Buch ist ein Weckruf, bei allen notwendigen Kontroversen zu einem Dialog zurückzufinden.

Also höchste Zeit für eine Agrar-Wende? Für Möller eine heikle Forderung. "Ich habe den Eindruck, dass wir auch deshalb so viel von der Notwendigkeit des Wandels sprechen, weil wir uns in Wahrheit nach dem Vertrauten, dem vermeintlich Stabilen früherer Jahre sehnen." So hätten viele Agrar-Kritiker romantisierende Vorstellungen von der Landwirtschaft, die obendrein auch noch von der Werbung befeuert werden. In mancher Gedankenwelt solle das Land so aussehen wie Ostpreußen um 1900. Doch die Realität sei nun mal weit weniger idyllisch. Da müssten Landwirte in erster Linie das tun, was sich für sie rechnet. "Sonst können sie nicht überleben."

Ausführlich geht Möller auch auf so umstrittene Themen wie Massentierhaltung, Subventionen und Energiewende ein. Und selbst vor dem Thema Glyphosat schreckt er nicht zurück: "Wir gewinnen nichts damit", sagt er, "wenn wir einerseits Pflanzenschutzmittel verbieten, andererseits immer weniger für Nahrung ausgeben wollen."

Porträt Dr. Andreas Möller
Andreas Möller, geboren 1974 in Rostock, befasst sich seit seiner Doktorarbeit zur Naturliebe und Technikkritik der Deutschen mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Industrie.

Mit Humor und Freude den Menschen das Positive der Landwirtschaft näherbringen

Die Debatte, ob Lebensmittel konventionell oder bio erzeugt werden sollten, hält er ohnehin für weitgehend überholt. In Zukunft werde es einen dritten Weg geben abseits dieser beiden Kategorien. Der Grund: "Konventionelle Betriebe werden immer stärker umdenken." Und gleichzeitig sei der Bio-Begriff heute schon stark verwässert.

Deshalb lautet sein Rat an die Landwirte, "nicht mehr die Schlachten der Vergangenheit auszutragen." Sondern: Stärker in Erscheinung treten. Meinung machen. Von der eigenen Vielfalt berichten. Mit Humor und Freude den Menschen das Positive der Landwirtschaft näherbringen. Aber auch emotionslos prüfen, was an der allgemeinen Kritik berechtigt ist.

"Insofern", unterstreicht Möller, "ist das Buch ein Weckruf, bei allen notwendigen Kontroversen zu einem Dialog zurückzufinden."

Zwischen Bullerbü und Tierfabrik - Interview mit Andreas Möller

Wie könnte ein anderer Blick auf die Landwirtschaft aussehen? Autor Andreas Möller im Gespräch mit vox viridis.

06:31 Min.

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