Agrar Magazin / Resistenzmanagement

Ackerfuchsschwanzbefall im Getreide
Resistenzmanagement

Wissenswertes für den Kampf gegen Herbizid-Resistenzen

Auch in Deutschland kämpfen Getreidebauern zunehmend mit resistenten Unkräutern und Ungräsern. Doch der Kampf ist nicht aussichtslos.

Herbizide sind seit Jahrzehnten wichtiger Bestandteil des modernen Ackerbaus. Sie kontrollieren Unkräuter und Ungräser, die mit den Kulturpflanzen im Wettbewerb um die Standortfaktoren Boden, Wasser, Licht stehen. Das hilft, Erträge zu sichern.

23% geringere Weizenernte weltweit

Wissenschaftler der Universität Bonn hatten vor einiger Zeit kalkuliert, dass – ohne Gegenmaßnahmen – allein Unkräuter die weltweit möglichen Weizenernten um 23 Prozent schmälern können. Und dass dieser Verlust dank Pflanzenschutzmaßnahmen in der Realität „lediglich“ bei neun Prozent lag.
Oerke et al - 2004

Was sind Herbizide und wie wirken sie?

Entstehung von Resistenzen

Wie wirken Herbizide und was sind Resistenzen? Dieser Film erklärt wie Resitenzen auf Ackerflächen entstehen.

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Moderne Herbizide sind kleine chemische Kunstwerke. Es gelingt ihnen, Ungräser und Unkräuter am Wachstum zu hindern, ohne die benachbarten Kulturpflanzen anzugreifen. Diese Selektivität ist vor allem dann beeindruckend, wenn Schad- und Nutzpflanzen botanisch relativ eng verwandt sind, etwa bei Ungräsern in Getreide.
Dass dies gelingt, liegt daran, dass Chemiker die Wirkstoffmoleküle so spezifisch gestalten können, dass sie exakt zu einer Zielstruktur passen, die es so nur in den Schadpflanzen gibt. Dort wird diese Zielstruktur dann zum Beispiel blockiert. Die Folge: Bestimmte, für das Fortbestehen der Unkraut- oder Ungraspflanzen lebenswichtige Prozesse kommen zum Erliegen. Die Pflanzen sterben ab.
Grundsätzlich haben die Wissenschaftler im Laufe der Jahrzehnte gelernt, ganz unterschiedliche Ziele im Stoffwechsel der Schadorganismen ins Visier zu nehmen. Je nach chemischer Zielstruktur werden dafür verschiedene Molekülklassen mit jeweils anderen Wirkmechanismen eingesetzt. Diese unterschiedlichen Wirkstoffweisen wurden vom HRAC, einem Verbund der größten Herbizidhersteller, mit Buchstaben-Codes versehen, die derzeit von A bis P reichen.

Das Resistenz-Problem

Dass ein Herbizid wirkt, ist leider nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt. Denn es kann passieren, dass die Schadpflanzen - ähnlich wie auch Insekten oder pilzliche Erreger - Resistenzen gegen bestimmte Wirkstoffe oder Wirkstoffklassen entwickeln. Das ist üblicherweise ein Prozess, der sich über einige Pflanzengenerationen hinzieht. Die Besatzdichte nimmt dabei mit jeder Saison zu - von einzelnen resistenten Schadpflanzen im ersten Jahr bis zur sogenannten Feldresistenz mit großflächigem Auftreten der Unkräuter oder Ungräser nach einigen Jahren.
Anfällig für Resistenzbildungen gegen sie sind vor allem sehr spezifische Wirkstoffe, die nur an einer Stelle im Stoffwechsel der Pflanzen angreifen. Hierzu zählen insbesondere Substanzen aus den HRAC-Gruppen A und B.
Demgegenüber sind Wirkstoffe, die an mehreren Stellen im Stoffwechsel angreifen und damit nicht so spezifisch sind, deutlich weniger resistenzgefährdet. Hierzu zählen Substanzen aus den HRAC-Gruppen K und F. Besonders hervorzuheben sind die Wirkstoffe Flufenacet, Flurtamone und Diflufenican.
Bestimmte Faktoren begünstigen die Resistenzbildung. Einer davon: der unsachgemäße Einsatz von Herbiziden. Das heißt zugleich: Man hat es als Landwirt auch selbst in der Hand, ob eine Resistenzentwicklung gefördert – oder behindert – wird. Dazu weiter unten mehr.
Und noch eine gute Nachricht gibt es: Anders als bei Fungizid- oder Insektizid-Resistenzen, die durch Wind oder aktive Bewegung über ganze Regionen verbreitet werden, sind Herbizid-Resistenzen sehr standorttreu. Denn sie verbreiten sich allein über den Samen der resistenten Pflanzen. Ein Ausbreiten auf andere Flächen ist daher nur in geringem Maße möglich, etwa im Zuge der Bearbeitung oder beim Einsatz von Erntemaschinen.
Resistenzarten

Wie schaffen es einzelne Pflanzen sich immun gegen die Wirkung von Herbiziden zu machen? Bisher sind nur wenige Resistenz-Mechanismen bekannt und erforscht, der Film stellt die drei Resistenz-Arten vor.

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Mit Vielfalt gegen Resistenzen

Natürlich arbeiten Forscher und Entwickler an neuen Wirkstoffgenerationen – auch bei Bayer. Doch es dauert viele Jahre, bis diese Arbeit von Erfolg gekrönt ist und ein neues Produkt auf den Markt kommen kann. Daher muss es ein zentrales Ziel sein, die Wirksamkeit der vorhandenen Substanzklassen so lange wie möglich zu erhalten.

Video

Landwirt Matthias Jäger betreut die Versuchsfläche von 5,6 ha und erklärt, dass in den 300 Parzellen unterschiedliche Strategien angewendet werden um die Ergebnisse miteinander vergleichen zu können.

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Um der Bildung von Resistenzen vorzubeugen, gilt ganz grundsätzlich: In einer Saison sollten alle Unkraut- und Ungraspflanzen möglichst vollständig beseitigt werden. Überleben einzelne Gewächse (zum Beispiel aufgrund einer Resistenz), können diese sich fortpflanzen – und ihre Resistenzeigenschaft auf die nächste Generation weitergeben. Resistenz ist vererbbar!

Ein gutes Resistenzmanagement erfüllt beide Anforderungen: Es sorgt dafür, dass die Felder möglichst sauber bleiben und Schadpflanzen kaum überleben. Und es stellt damit zugleich sicher, dass die existierenden Wirkstoffe ihre Wirksamkeit behalten. „Vielfalt“ ist ein wichtiges Motto für ein erfolgreiches Resistenzmanagement: Vielfalt bei den eingesetzten Herbiziden, Vielfalt bei der Fruchtfolge und auch Vielfalt bei den sonstigen ackerbaulichen Maßnahmen. Wer diese Diversität praktiziert, hat auf jeden Fall schon viel getan im Kampf gegen Resistenzbildungen.

Ackerbauliche Maßnahmen

Alle ackerbaulichen Maßnahmen sollten so gewählt sein, dass gewisse Unkräuter oder Ungräser nicht bevorzugt werden. Dann bleibt ihre Befallsdichte gering. Eine Grundregel lautet: Monokulturen sind zu vermeidern! Wenn etwa auf derselben Fläche immer Weizen wächst, profitieren auch Ackerfuchsschwanz oder Windhalm.

> Die wichtigsten Punkte für ein effektives Resistenzmanagement gegen den Befall mit Ackerfuchsschwanz erhalten Sie hier über den Download der Checkliste Ackerfuchschwanz (PDF)

Erweitern Sie daher Ihre Fruchtfolge um Blattfrüchte und/oder Sommerungen. Dadurch wird die Auflaufrate der Gräser, die typische Herbstkeimer sind, deutlich reduziert. Zudem haben Sie mehr Zeit, Ungrassamen im Boden durch zusätzliche Bodenbearbeitungsmaßnahmen zur Keimung anzuregen. Später lassen sich die Ungräser dann durch mechanische oder chemische Maßnahmen oder ein Totalherbizid beseitigen. Ganz generell empfiehlt es sich immer, vor der Aussaat ein Totalherbizid gegen bereits aufgelaufene Ungräser und Unkräuter einzusetzen.

Setzen Sie außerdem auf Bearbeitungsverfahren, die verhindern, dass sich Unkrautsamen in der oberen Bodenschicht anreichern. Regelmäßige Pflügen hilft, den Ungrasdruck auf einem gleichbleibenden Niveau zu halten. Wer statt des Pfluges auf den Grubber setzt, sollte diesen auf jeden Fall mehrfach einsetzen – am besten in abwechselnden Tiefen.

Auch über den Saattermin lässt sich etwas ausrichten, gerade bei Wintergetreide. So haben Versuche gezeigt, dass bei Frühsaaten deutlich mehr Ackerfuchsschwanz aufläuft als bei späteren Saatterminen. Deshalb: Verschieben Sie die Aussaaten, wo immer es möglich ist, nach hinten. Dadurch gewinnen Sie zugleich Zeit, um Ungräser durch mechanische Bodenbearbeitung zur Keimung anzuregen - und sie dann noch vor der Saat mechanisch und/oder chemisch zu bekämpfen.

Führen Sie Ihre Bestände außerdem so, dass diese mithelfen, die Unkrautkonkurrenz zu unterdrücken. Getreide-Sorten mit hohem Blattfächen-Index helfen dabei genauso wie eine hohe Aussaatstärke, die dünne Bestände vermeidet. Verwenden Sie Saatgut mit hoher Keimfähigkeit und Vitalität.

Vermeiden Sie die darüber hinaus eine Verschleppung von möglicherweise resistenten Samen auf andere Flächen. Reinigen Sie die Bearbeitungs- oder Erntegeräte nach dem Einsatz.

Setzen Sie über die Jahre auf jeder Fläche eine Vielzahl von Wirkmechanismen ein. Damit vermeiden Sie, dass die resistenten Pflanzen überhandnehmen. So bleibt die Wirkung guter Herbizide lange erhalten.
Christian Milz, Kundenmarketing Getreideherbizide

Herbizide richtig einsetzen

Die Hauptursache für die Ausbreitung der Feldresistenz ist ein falsches Herbizid-Management. Besonders ungünstig ist es, wenn man denselben Wirkstoff (oder Wirkstoffe mit demselben Wirkmechanismus) mehrere Jahre ausschließlich oder nur im seltenen Wechsel mit anderen Wirkmechanismen einsetzt. Überlebende Unkraut- oder Ungraspflanzen, die eine Resistenz gegen den dominierenden Wirkmechanismus entwickelt haben, werden dann nicht mehr kontrolliert – und können sich im Laufe der Jahre ungestört vermehren.
Daher gilt: Setzen Sie über die Jahre auf jeder Fläche eine Vielzahl von Wirkmechanismen ein. Damit vermeiden Sie, dass die resistenten Pflanzen überhandnehmen. So bleibt die Wirkung guter Herbizide lange erhalten.
Streben Sie außerdem hohe Wirkungsgrade bei der Herbizidbehandlung an. Wählen Sie die stärksten Herbizide und achten Sie auf gute Anwendungsbedingungen und richtige Applikationstechnik.

Beim Kampf gegen hohe Besatzdichten hartnäckiger Ungräser wie Ackerfuchsschwanz haben sich zudem Spritzfolgen mit Bodenherbiziden im Herbst und blattaktiven Produkten im Frühjahr bewährt. Die Folge sind hohe Wirkungsgrade. Der Kampf gegen Herbizid-Resistenzen ist mühsam und sicher nicht immer einfach. Aber er lohnt sich.

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