Agrar Magazin / AgrarDialog

Peter Müller, Geschäftsführer Bayer CropScience Deutschland
AgrarDialog

Ernährungssicherheit in Krisenzeiten

Wie wohl die meisten Menschen hätte auch ich nie gedacht, dass wir mitten in Europa einen Angriffskrieg erleben würden, dessen fatale Folgen inzwischen die gesamte Welt erfassen. Russlands Krieg bringt nicht nur Tod und Vertreibung, er bedroht auch Millionen von Menschen mit einer Hungersnot. Einige Staaten in Afrika und Asien stehen laut Caritas International vor einer Katastrophe.
 
 

 

 

Russland und die Ukraine sind die Kornkammern der Welt, gemeinsam liefern sie rund 30 Prozent des global benötigten Weizens und gewaltige Mengen an Raps und Sonnenblumenkernen, die zu Speiseöl verarbeitet werden. Seit dem Krieg sind die Preise für Getreide und Öle rasant in schwindelnde Höhen geschnellt, der für Weizen hat sich fast verdoppelt.

Wir Europäer können Knappheit und steigende Kosten schultern, unsere Vorratsspeicher sind gut gefüllt, die Versorgung ist gesichert. Doch für viele Menschen im globalen Süden sind die Konsequenzen schon jetzt dramatisch. Das kriegsgeschüttelte Syrien, bitterarme Länder wie Jemen, Sudan und Bangladesch sind auf russischen und ukrainischen Weizen angewiesen, ebenso Staaten wie Pakistan, Libanon, Ägypten und Tunesien. Aber sie können sich die Ware kaum noch leisten. Haben wir es schon vergessen? Vor gerade einmal zehn Jahren entfachten explodierende Brot- und Lebensmittelpreise politische Flächenbrände im Nahen und Mittleren Osten.

Weil die Ernährungssicherheit in Gefahr ist, haben die Landwirtschaftsminister der G7-Staaten vor Kurzem eine Dringlichkeitssitzung einberufen. Auch der Agrarausschuss des Deutschen Bundestags traf sich zu einer Sondersitzung, und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir warf Russlands Präsidenten Putin vor, steigende Getreidepreise und Hunger als Waffe einzusetzen.

Mancher fordert darum, sofort alle Kräfte nur noch auf die Steigerung der Ernteerträge zu konzentrieren und den geplanten Umbau der Landwirtschaft, die Hinwendung zu einer nachhaltigeren, klimaschonenderen Produktionsweise hintanzustellen. In der Tat, es ist höchste Zeit, unser Augenmerk stärker auf die Sicherstellung ausreichender Nahrung zu richten, zumal bald zehn Milliarden Menschen unsere Erde bevölkern werden. Doch es wäre falsch und kurzsichtig, den notwendigen Umbau deshalb aufzuschieben. Auch der Klimawandel kann zum Krieg führen, treibt Frauen, Männer und Kinder in den Hunger, zwingt sie zur Flucht. Die Landwirtschaft ist mitverantwortlich für die Erderwärmung, weltweit verursacht sie ein Drittel der schädlichen Treibhausgase – in Deutschland knapp zehn Prozent.

Es mag manche erstaunen, diese Worte aus dem Munde eines Chemieunternehmens zu hören: Wir als Bayer unterstützen ausdrücklich die von der Ampel-Koalition verkündete Reform der Landwirtschaft. Auch wir wollen eine nachhaltige Agrarwirtschaft, die Umwelt, Tiere und Klima schützt, den Bäuerinnen und Bauern ein Einkommen sichert – und uns alle ernährt. Im Ziel sind wir uns mit der Regierung einig, in den Wegen allerdings unterscheiden wir uns.

Einem Landwirtschaftsexperten wie mir, der viele Jahre im Ausland gearbeitet hat, fällt bei seiner Rückkehr nach Deutschland zweierlei auf. Positiv: die Bereitschaft zum Umdenken und Umsteuern. Negativ: dass die Debatte darüber, wie man die Dinge am besten ändert, oft noch mit ideologischen Scheuklappen und einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber den Erkenntnissen der Forschung geführt wird. „Hier der gute Biobauer, dort der böse Chemielandwirt“ – dieses Feindbild taugt nicht. Und es wird den Herausforderungen unserer Zeit auch nicht gerecht.

Im 21. Jahrhundert kommt eine moderne Landwirtschaft ohne Chemie und ohne Bio- und Gentechnologie nicht aus, muss sie doch zugleich drei Ziele verfolgen: die Erneuerung der Landwirtschaft, um sie klimaschonender zu machen; die Begrenzung des Ackerbaus, um dem umweltschädlichen Flächenfraß Einhalt zu gebieten; und drittens: die Gewährleistung der Ernährungssicherheit, also die ausreichende Produktion von Nahrung, um sowohl die rasant wachsende Weltbevölkerung satt zu bekommen als auch Krisen wie jetzt im Ukrainekrieg einzudämmen.

Diese Ziele lassen sich nicht auf einen Schlag lösen. Wie beim Umbau des Energiesektors konkurrieren auch in der Landwirtschaft unterschiedliche Interessen miteinander, die immer wieder ausgeglichen werden müssen. Es geht auch nicht, wie viele meinen, um eine Wende, um eine grundsätzliche Umkehr in der Agrarpolitik. Wende ist der falsche Begriff, das klingt rückwärtsgewandt, so als könne man zurück in die alte, nostalgische Welt des bunten Heidi-Hofs. Zutreffender wäre es, von Fortschritt zu reden, wollen wir doch gemeinsam voranschreiten mit dem Ziel, den Dreisprung aus klimaschonendem Ackerbau, Begrenzung des Flächenfraßes und Ernährungssicherheit zu schaffen.

Landwirtschaftsminister Özdemir und Umweltministerin Steffi Lemke haben ihren Behörden deshalb vor Kurzem eine „strategische Allianz“ verordnet. Strategisch wird dieses Bündnis aber nur, wenn es sämtliche Kräfte und alles vorhandene Wissen bündelt, also auch Unternehmen und deren Knowhow mit einbezieht. Gerade Bayer hat einen reichen Erfahrungsschatz, nur findet unser Wissen zu selten Gehör, wird es zu selten genutzt.

Seit vielen Jahren schon investieren wir massiv in biotechnologische Verfahren, in die Züchtung klimarobuster Pflanzensorten, in die Verbesserung von Böden und die Verringerung von Pflanzenschutzmitteln. Allein dafür beschäftigen wir Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, unterstützen wir weltweit eine Vielzahl von Experimenten, auch in Deutschland.

Nur einige Beispiele: Bayer hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 die Treibhausgasemissionen auf den Feldern um ein Drittel zu senken. Dafür haben wir unter anderem ein Carbon Farming Programm ins Leben gerufen. In ganz Europa, auch im Rheinland und in Brandenburg begleiten wir Betriebe, die auf den Anbau von Zwischenfrüchten und auf nachhaltige Systeme wie Unter- und Begleitsaaten oder Streifenanbau setzen. So wird nicht nur der Humusgehalt und damit die Bodenfruchtbarkeit verbessert, sondern entsteht auch wichtiger Erosionsschutz und wird mehrfaches Pflügen und damit das Freisetzen des im Boden gespeicherten Kohlenstoffs vermieden. Seit eh und je ist der Boden das kostbarste Gut der Bäuerinnen und Bauern, er lässt sich nicht vermehren und muss gepflegt werden.

Veränderungen im Erdreich geschehen allerdings nicht über Nacht, es sind langfristige Prozesse. Mit Hilfe digitaler Technik lassen sich solche Vorgänge, wie etwa die Bindung des schädlichen CO2, heute messen. Auch hier gehört Bayer mit seinem digitalen Werkzeug FieldView zu den Schrittmachern. Vielversprechend ist ebenso unser Programm ForwardFarming. Es verbindet Produktivität mit Artenvielfalt, wertet landwirtschaftliche Flächen mit Blühstreifen, Biodiversität, Insektenschutz und Feldlerchenfenster ökologisch auf – und sorgt dank sicherer Anwendung notwendiger biologischer oder chemischer Pflanzenschutzmittel zugleich für den wirtschaftlichen Ertrag.
 
Denn auch das gehört zu den Wahrheiten, die manche Debatte gerne verdrängt: Natürlich kann man auf den Einsatz von Pestiziden verzichten, aber zu welchem Preis? Sri Lanka etwa untersagte 2015 den Gebrauch des von Bayer/Monsanto hergestellten Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Die bittere Folge: Unkraut überwucherte die Teepflanzen, raubte ihnen Licht und Wasser, der Export der Tee-Nation brach ein, viele Bauern wurden in den Ruin getrieben. Im Sommer 2018 hob die Regierung darum das Verbot wieder auf.

Natürlich machen auch wir bei Bayer Fehler, aber wir lernen aus ihnen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass sich einfache Lösungen – wie das Beispiel Sri Lanka zeigt – oft verbieten. Mit Sicherheit wird Glyphosat eines Tages der Vergangenheit angehören, unsere gesamte Industrie forscht seit Jahrzehnten nach einem Ersatz. Aber der Abschied kann nur behutsam, mit Augenmaß und unter Beachtung aller Konsequenzen vollzogen werden. Derzeit würde ein völliger Verzicht nicht nur das Einkommen, sondern auch die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen gefährden.

Eine wichtige Antwort auf die Nahrungsmittelkrisen unserer Zeit liegt ebenso in den Möglichkeiten gentechnischer Veränderungen. So hat Bayer zum Beispiel eine Maissorte entwickelt, die für den gleichen Ertrag zwanzig Prozent weniger Anbaufläche benötigt. Die Pflanzen sind deutlich kürzer, lassen sich dichter anpflanzen, ihre Wurzeln greifen tiefer ins Erdreich und können so mehr Kohlenstoff aus der Luft im Boden binden. Doch gerade in Deutschland stößt die Gentechnik noch immer auf große Vorbehalte. Dabei haben sich in den vergangenen zwölf Monaten hierzulande Millionen von Menschen gegen Corona impfen lassen, und zwar mit Wirkstoffen, die dank gentechnischer Verfahren entwickelt werden konnten.

Bayer ist kein abstrakter, unnahbarer Konzern. Auch in ihm arbeiten Zigtausende Menschen, die Angst vor Krieg haben, sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen und denen Hungersnöte nicht gleichgültig sind. Menschen, die dem Klimawandel Einhalt gebieten wollen – und die all ihr Wissen dafür einsetzen, dass sich möglichst alle Menschen rund um den Globus gesund und ausreichend ernähren können. Die neue Bundesregierung will eine grundlegende Veränderung der Landwirtschaft. Bayer bietet an, ein Partner bei diesem Umbau zu sein.

Peter Müller
Geschäftsführer Bayer CropScience Deutschland

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