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4. Agrar Gespräch
AgrarDialog

4. AgrarGespräch 2021 - Agrarwende – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Was bedeutet eigentlich „Agrarwende“. Ist sie geeignet, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern oder führt sie die Landwirtschaft zurück in die Vergangenheit? Ist die Agrarwende Verunsicherung oder Ansporn?

Diesen Fragen stellten sich am 3. Mai der grüne brandenburgische Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) Axel Vogel und Bayer-Geschäftsführer Peter R. Müller. Die „Schalte“ zwischen Berlin, Potsdam, Frankfurt und Leverkusen wurde von den Redakteurinnen der agrarzeitung Stefanie Pionke und Daphne Huber moderiert.

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Ob die Agrarwende ein Schreckensszenario ist, wollte Daphne Huber gleich zu Beginn von Axel Vogel wissen. Nein, natürlich nicht, seine Antwort. „Wir arbeiten in Brandenburg eng und gut mit den Landwirten zusammen und es gibt verlässliche Koalitionsvereinbarungen“.

Auch mit den getroffenen GAP-Vereinbarungen auf EU-Ebene ist Vogel zufrieden, „als ersten Schritt in die richtige Richtung“, lautete sein Urteil. „Ich verstehe es als Kompromiss, als Einstieg in den Umstieg. Gut für die Weiterentwicklung ist, dass die festgelegten Förderperioden immer kürzer werden.“ Er konstatierte einen fortgeschrittenen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, der es ermöglicht, mehr Geld in die Ökologie zu investieren.

Das ist auch wichtig, sagte Vogel weiter. Die Ausgestaltung der Eco-Schemes benötigt dringend Gelder aus der 1. Säule. Hier sieht Vogel noch viel Gestaltungsarbeit. Auf EU-Ebene gibt es seiner Meinung nach keine einheitliche Vorstellung, weil die Bedürfnisse der Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich sind. Bundesweit wurden dagegen bereits konkrete inhaltliche Vorschläge formuliert, auch seitens der Agrarminister der Länder. Dazu gehören beispielsweise Agroforstsysteme, weitere Fruchtfolgen oder die Anlage von Blühstreifen. Die Förderhöhe für die einzelnen Maßnahmen ist jedoch noch offen. Auch das Reduzierungsziel für Pflanzenschutzmittel ist noch in Arbeit. Für Vogel sind Anreize elementar wichtig, damit sich die möglichen Öko-Maßnahmen nicht nur auf schwachen Standorten wiederfinden. Es stehen insgesamt 26 % aus der 1. Säule, 40 % aus der 2. Säule und 2 % Weideprämie als Fördermittel zur Verfügung.
Beim Thema Kappung der Flächenbeiträge und Degression nimmt Vogel eine ostdeutsche Haltung ein. Die stärkere Umverteilung auf die ersten Hektare leitet seiner Meinung nach viel Geld, rund 30 Millionen Euro, vom Norden in den Süden. „Ich hätte es begrüßt, wenn die Lohnzahlungen der größeren Ostbetriebe in diesem Sektor berücksichtigt worden wären“. Auch bei der Definition von bäuerlichen Familienbetrieben legt der ostdeutsche Landesminister etwas andere Maßstäbe an, jedoch schlägt sein Herz natürlich für den Familienbetrieb. Er will aber, dass die Betriebsform Mehrfamilienbetrieb bzw. Genossenschaft in der Diskussion berücksichtigt wird.

Im Rahmen des Green Deals sollen bis 2030 50% des Pflanzenschutzmitteleinsatzes reduziert werden. Das war ein gutes Stichwort, um Peter R. Müller in die Diskussionsrunde zu holen. Minister und Geschäftsführer waren sich darin einig, dass es zum Reduktionsziel noch wenig Konkretes gibt. „Reden wir hier über Menge, Hektar, Umsatz oder Wirkstoffe,“ fragte Müller. „Und welche geeigneten Alternativen stehen zur Verfügung?“ Die Reduktion bezieht sich nicht auf 100 % der Flächen, relativierte Vogel und sprach von Gleitzonen. Agronomische Ansätze wie Bodenbearbeitung, Fruchtfolgen oder der Einsatz von Biologika, aber auch Investitionen in moderne Technik, nannte er als Alternativen.
Er sieht aber auch die chemische Industrie gefordert, an den notwendigen Zielgrößen zu arbeiten. „So weit sind wir doch schon längst“, entgegnete Müller. „In Deutschland wird aber viel zu wenig in Agrarforschung investiert“. Bayer hat den großen Vorteil, weltweit unterwegs zu sein, um innovative Entwicklungen voranzutreiben. Müller sagte dies auch mit Blick auf neue Züchtungstechnologien. Für Vogel sind Verfahren wie CrisprCas jedoch keine Option. „Da steht das Vorsorgeprinzip vor“, Vogels grüne Position ist hier unmissverständlich. „Das bedeutet aber nicht, dass meine Partei Risiko-avers ist.“

„Soll denn in Deutschland eine Bilderbuch-Landwirtschaft entwickelt werden?“ entgegnete Müller. „Brauchen wir nicht den ganzen Werkzeugkasten, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern oder um Krisen wie z.B. aktuell die Heuschreckenplage in Teilen Afrikas in den Griff zu bekommen?“ Müller sieht die Gefahr, dass Forschung und Entwicklung rausgehen aus Deutschland. „Innovationen finden außerhalb Europas statt. Wie lange können wir uns das noch leisten?“

Vogel machte an dieser Stelle unterschiedliche Interessen aus, und wies gleichzeitig den Vorwurf des Eurozentrismus zurück. Gleichzeitig blieb er dabei, dass die EU und Deutschland ein Agrarmodell für die Zukunft entwickeln und eine Vorreiterrolle übernehmen können. Bayer forderte er auf, neue Forschungsgelder zu erschließen.

Chemischer Pflanzenschutz hat sich nicht überlebt, sagte Müller . Das zeigen seiner Meinung nach die vielen Notfallzulassungen auch in grün regierten Bundesländern. An dieser Stelle blieb dann auch Vogel pragmatisch. „Notfallzulassungen müssen möglich sein, bis neue Stoffe gefunden worden sind.“

Zum Abschluss der Diskussionsrunde richtete sich der Blick nach Brandenburg. Als Beispiel für eine gelungene Kooperation zwischen moderner Landwirtschaft und Ökologie wurde kurz die Bayer ForwardFarm in Nauen vorgestellt. Minister Vogel erläuterte den „Neuen Brandenburger Weg“. Hier startet das Land gemeinsam mit den Landwirten ein Projekt, mit dem man sich von den Weltmarktpreisen unabhängiger machen möchte. Ein Treffen der Beteiligten wird in Kürze auf der ForwardFarm stattfinden. Brandenburg hat den riesigen Vorteil, mit Berlin einen kaufkräftigen Markt direkt vor der Haustür zu haben. „Diesen Markt wollen wir mit einem Regional-Siegel erschließen,“ erläuterte Vogel. Berlin zeigt sich äußerst interessiert. „Regional ist erste Wahl“, beschrieb der Minister das gemeinsame Motto.

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Agrarwende - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

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