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AgrarGespräch Carbon Farming
AgrarDialog

AgrarGespräch: Carbon Farming – was bringt's der Landwirtschaft?

Welche Maßnahmen eignen sich, Kohlenstoff im Boden zu binden und Humus aufzubauen? Wie können die Effekte mit Blick auf den Handel mit CO2-Zertifiaten dokumentiert werden und so auch neue Erlösquellen für die Landwirtschaft entstehen? Und welche Konzepte tragen zur Bodenverbesserung bei und gewährleisten dabei gleichzeitig die Produktivität des Ackerbaus?
AgrarGespräch Das neue Live Formatt

Diese Fragen wurden am 27. September beim 7. AgrarGespräch in diesem Jahr im LiveStream diskutiert. Bayer und die Agrarzeitung konnten interessante Gesprächspartner für dieses spannende Thema gewinnen. Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde signalisierte: Carbon Farming ist ein fachübergreifendes Thema, die CO2-Bindung durch Humusaufbau ein komplexes Thema. „Humus ist für viele positive Prozesse im Boden verantwortlich“, erläuterte Dr. Jana Epperlein Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung (GKB) in ihrem ersten Statement. Humus stabilisiert den Boden, schließt Kreisläufe im Boden, ist Voraussetzung für fruchtbare Böden und damit für Ertragsstabilität im Pflanzenbau. Für Stefanie Peters, Betriebsleiterin der Agro-Farm GmbH Nauen, ist der Boden das wichtigste Gut eines landwirtschaftlichen Betriebes.

Bayer interessiert sich für die Vorgänge im Boden und sieht großes Potenzial, über die Böden CO2 zu binden. „Weltweit, und jetzt auch in Europa, arbeiten wir mit Landwirten daran, neue Möglichkeiten auszuloten“, sagt Bernhard Hitzberger, Leiter Development bei Bayer. „Die Digitalisierung schafft hier völlig neue Möglichkeiten, die Vorgänge messbar zu machen und zu modulieren.“ Für ihn ist ein ökonomisches Zertifikate-Modell gut vorstellbar, auch wenn der Weg dorthin noch Zeit in Anspruch nehmen wird.

Für Michaela Schlathölter, Saatzucht-Leiterin bei der P.H. Petersen Saatzucht Lundsgaard, sind die Zwischenfrüchte der Schlüssel zum Erfolg auf dem Weg zum Humusaufbau. Sie appelliert, die Anbauverfahren weiter zu optimieren. „Zwischenfrüchte waren nicht immer modern“, erinnert sie und sieht Nachholbedarf. Auch hat man bislang die positiven Wirkungen der Zwischenfrucht nur mit Blick auf die direkte Nachfolgekultur diskutiert. Dabei können Zwischenfrüchte sehr viel mehr für das Gesamtsystem leisten. Stichworte sind Erosionsschutz, Bodenfruchtbarkeit oder Interaktionen von Pflanzengesellschaften.

Epperlin sieht im Zwischenfruchtanbau ebenfalls einen Schlüssel für den erfolgreichen Humusaufbau. Die Bedeutung des Wurzelsystems oder die Bedeutung der Mikroorganismen sind ihrer Meinung nach noch lange nicht ausreichend erforscht. Sie macht zwei Ziele fest: Die Entwicklung einheitlicher Parameter für die Bewertung und die gezielte Förderung neuer Bewirtschaftungssysteme.

Bernhard Hitzberger stellt das Projekt Carbon Farming von Bayer vor. Die Frage, wie man den Humusaufbau messen kann, ist schwierig zu beantworten. Die Thematik ist komplex, Veränderungen im Boden sind langfristige Prozesse. Beim Carbon Farming steht deshalb zu Beginn eine Initialmessung, sozusagen eine Bestandsaufnahme. Auf der Basis dieser Daten sind Modellierungen auch nicht sichtbarer Dinge möglich. Möglich wird dies mit dem digitalen Werkzeug FieldView. Stefanie Peters ist im Rahmen des ForwardFarming in diese ersten Schritte miteingebunden. „Wir sind seit 2020 beim Projekt dabei“, sagt sie.

Ziel von Carbon Farming FieldView sind messbare Ergebnisse für den Humusaufbau und daraus abgeleitete Zertifikate mit einem wirtschaftlichen Wert. Wie und wann das gelingt, ist noch offen. „Ein Imagegewinn ist es allemal“, sagt Epperlin. Im Zwischenfruchtanbau müssen aber die ackerbaulichen Spielräume erweitert werden, ergänzt Peters. „Zwischenfruchtanbau ist immer auch eine wirtschaftliche Entscheidung.“ Humusaufbau ist eine Investition in den Boden. Völlig offen ist noch, ob sich diese Investitionen auszahlen, etwa auf Pachtflächen. Auch hier wird es Lösungen bedürfen. Bewirtschaftungsauflagen auf Pachtflächen, wie etwa ein Glyphosatverbot, wirken kontraproduktiv. Das ist nur ein Zielkonflikt von vielen.
Auch braucht die landwirtschaftliche Praxis Freiheitsgrade, was zum Beispiel den Saatzeitpunkt und die Wahl der Saatgut-Mischungen anbelangt. Ein zu enges Korsett aufgrund regulatorischer Vorgaben ist eher kontraproduktiv, führt Peters weiter aus.

Hitzberger sieht das ähnlich und spricht von einem pflanzenbaulichen Werkzeugkasten, aus dem man sich bedienen dürfen muss, je nachdem, was der Standort und das Anbausystem erfordern.  „Ohne ganzheitliches Denken ist der Humusaufbau nicht möglich“, ergänzt Schlathölter. Auch neue Systeme wie Unter- und Begleitsaaten oder Streifenanbau bis hin zu Agroforstsysteme sind vorstellbar.

Die Diskussionsteilnehmer bescheinigen übereinstimmend, dass die Bodensituation in Europa und Deutschland oft besser als in anderen Teilen der Welt ist. Landwirte hierzulande wirtschaften mit viel Kompetenz und mit stetem Blick auf den Boden. Die Züchtung wird zukünftig bei den Zwischenfrüchten neue Schwerpunkte setzen. Schlathölter nannte in dem Zusammenhang Sorten mit starkem Wurzelwerk oder selbstverträgliche Leguminosen.

In der Abschlussrunde stimmten die Experten überein, dass Carbon Farming noch am Anfang steht. Humusaufbau ist aber auf jeden Fall sinnvoll, denn er hat aber viele positiven Begleiterscheinungen und ist gleichermaßen geeignet für den Boden- und den Klimaschutz. Bayer wird das Projekt Carbon Farming deshalb mit großem Engagement weiterverfolgen.

Die Sendung wurde moderiert Steffen Bach, Redakteur der Agrarzeitung.

Video: AgrarGespräch

Carbon Farming - was bringt's der Landwirtschaft?

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